02.01.2018 - Warum Fachgeschäfte in den Innenstädten nicht aussterben werden

Ist Online-Shopping wirklich bequemer als der klassische Einkauf im Fachhandel? Es wird immer häufiger propagiert, dass die virtuelle Shoppingtour schneller, bequemer, informativer und vor allem günstiger sei. Daher ist es kein Wunder, dass nahezu jeder Deutsche Waren über Amazon, eBay & Co. einkauft und der örtliche Fachhandel über fallende Umsätze klagt. Es werden sogar düstere Aussichten prophezeit, dass der Fachhandel in Zukunft ausstirbt und die einzige Bezugsquelle der Weg über den Postboten ist.

Auch ich shoppe seit Jahren online, was als Administrator einer Webseite wie PC-Erfahrung.de nicht verwunderlich ist. Ich habe bereits zu Zeiten online gekauft, Urlaube oder Flüge gebucht, in denen das Internet noch nicht so sehr im Alltag verankert war und man noch staunende Bemerkungen ertragen durfte. "Was, Du kaufst bei eBay? Das ist doch nur Spielerei." oder "Flüge über das Internet buchen? Das ist mir viel zu riskant!". Über die Jahre hinweg ist aber der Frust und die Unzufriedenheit über das Online-Shopping stetig gewachsen. Die einstigen Vorteile wie Zeitersparnis scheinen immer selten wahr zu sein. Ich versuche einmal anhand meiner Erfahrungen und meiner Einstellung zum Online-Shopping die Unzufriedenheit zu erklären und eine kleine Diskussion anzuregen.

Das Paket ist schnell bis ZUR Wohnung, aber nicht IN die Wohnung
Die Paketdienste und Online-Shops versenden Pakete schnell. Gar keine Frage. Das Problem ist leider, dass man in den Lieferzeiten selten zu Hause ist, da die meisten nun einmal berufstätig sind. Das Paket landet nun bei einem Nachbarn, der im ungünstigsten Fall das Paket annimmt, anschließend aber in den 2-wöchigen Urlaub fliegt, so dass das Paket erst einmal in der Nachbar-Wohnung verweilt. Einigen unter uns ist es auch unangenehm oder unerwünscht, wenn man gar nicht möchte, dass der ungeliebte Nachbar das Paket annimmt.

Ist kein Nachbar verfügbar, muss das Paket in der nächsten Filiale abgeholt werden. Jetzt darf man sich in die Warteschlange einreihen, denn neben mir hatten auch noch viele andere die kluge Idee des Online-Shoppens. Spart bekanntlich eine Menge Zeit. Eigentlich, denn ist man zu Hause nicht erreichbar und der Gang zur Filiale ist erforderlich, kann man fest mit Warteschlangen rechnen, die man eigentlich zur vorweihnachtlichen Last-Minute-Einkaufstour am 23.12. erwartet, da man das Paket im Zeitfenster zwischen 17-18 Uhr abholt. Man ist ja schließlich berufstätig, wie so viele Gleichgesinnte.

Ist Online-Shoppen wirklich eine Zeitersparnis?

Packstation
Die Packstation ist eine tolle Idee. Mehr aber nicht. In Großstädten wie Hamburg ist eine Packstation mit seinen vielleicht 30-40 Fächern schnell überfüllt. Nicht selten landet das Paket dann doch in der Filiale. Aus persönlichen Erfahrungen ist das System der Packstation noch nicht ausgereift und gefühlt machen 3 von 4 Sendungen Probleme (das ist keine Übertreibung).

+ Packstation lässt sich nicht bedienen: Touchdisplay ist unbrauchbar.
+ Packstation lässt sich nicht bedienen: System ausgefallen.
+ Der Online-Shop ist nicht in der Lage, die Packstation richtig zu adressieren.
+ Die Post-Card kann nicht gelesen (Magnetstreifen).
+ Packstation ist voll.
+ Paket passt nicht in Packstation.

Retoure: das nervige Prozedere beginnt erneut inkl. neuer Probleme
Wer online einkauft, sieht die Ware erst nach Auspacken des Pakets. Gefällt einem die Ware nicht, beginnt der Retoure-Prozess, so dass man wieder zur ungeliebten Filiale muss, um das Paket zurück zu schicken. Das kostet wieder Zeit. Und viel schlimmer: man muss noch länger auf die gewünschte Ware warten.

Was, wenn das Produkt erst nach einer bestimmten Zeit defekt geht und man den Karton nicht mehr aufgehoben hat. Jetzt wird man noch als Paket-Verpacker tätig. Alles andere als bequem.

Und wenn alles schlecht läuft, streitet man sich per E-Mail mit dem Versender, wer den Schaden verursacht hat.

Was ich persönlich überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist das Online-Shoppen bei Kleidung. Hier ist es der Standard, dass man mehrere Größen und mehrere Teile bestellt, diese zu Hause anprobiert und immer die nicht benötigten Teile zurückschickt. Ein Gang zur Filiale ist also unausweichlich.

Online ist immer günstiger
Oftmals ist Online-Shoppen günstiger, aber auch nicht immer. Oftmals unterscheiden sich die Preise im Fachhandel minimal oder sind sogar günstiger. Ich persönliche hatte dieses Erlebnis vergangenen Jahresim MediaMarkt, als durch eine Preis-Aktion in meinem MediaMarkt vor Ort der Online-Preis unterboten wurde.

Umwelt, Verstopfte Straßen und gestresste Paketzusteller
Vor den Zeiten des Online-Shoppens fuhren große LKWs die Kaufhäuser an und die Menschen kauften dort ein. Heute quälen sich Tag für Tag viele, viele Paketboten durch die Straßen der Wohngebiete und bringen wie eine Ameisen-Kolonie die Ware zum Endkunden. Gerade in Großstädten, wo die Menschen zum größten Teil mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Kaufhäusern fahren, blockieren nun Fahrzeuge von Hermes, DHL & Co. die Straße. Besonders ärgerlich: das Parken in der zweiten Reihe, was aber auch nachvollziehbar ist, da der Paketzusteller unter Zeitdruck steht.

Überlastung der Logistikunternehmen, Probleme mit unzuverlässigen Paketboten, Kosten-/Zeitdruck
Durch den erhöhten Online-Konsum kommen die Logistikunternehmen allmählich an ihre Grenzen. Was passiert, wenn zur Weihnachtszeit viele Krankmeldungen und ein Streik auftreten, sieht man an der folgenden News: Weihnachtspakete? Erst im neuen Jahr. In Norddeutschland liegen Pakete die eigentlich als Weihnachtsgeschenke gedacht waren auch noch im neuen Jahr in den Logistikzentren.

Man merkt auch im Alltag immer mehr den Zeit- und Kostendruck in der Logistikbranche. Immer öfter wird davon berichtet, dass Paketzusteller überhaupt nicht mehr klingeln, um Zeit zu sparen: DHL-Kunden sauer Paketbote klingelt einfach nicht – so können Sie sich wehren. Auch dies ist aus Kundensicht verständlich, denn jeder weiß, dass die Paketzusteller die Leidtragenden sind und für wenig Lohn die Bequemlichkeit der Online-Shopper ausbügeln.

Sichtbar wird der Kostendruck auch in den Postfilialen. Diese werden immer öfter geschlossen und durch Kioske ersetzt. Oder vorhandene Postfilialen sind reine "Paket-Ausgabe-Stationen": wo früher Beamte zu normalen Lohnverhältnissen arbeiteten, schufften heute Rentner, Schüler und Co. für den Mindestlohn.

Weiteres Negativ-Beispiel aus der aktuellen Vor-Weihnachtszeit: ein Paket wurde als unzustellbar zurückgeschickt, weil in der Empfänger-Adresse gerade eine Baustelle ist. Der Empfänger wohnt aber seit Jahren dort.

Recherche im Netz ist zeitintensiv und ungenau
Es ist ein entscheidender Nachteil, wenn man die Ware nicht anfassen, aus der Nähe betrachten, anziehen, testen oder riechen kann. Es gibt einige Fehlkäufe, von denen ich berichten kann. Der Heizstab (Tauchsieder), der viel zu groß ist und nicht in die Thermoskanne passt. Die Bremsbelege, die ätzend nach Chemikalien riechen, so dass man sie selbst auf dem Fahrrad nicht montieren möchte. Es ist nicht gerade selten, dass die Darstellung im Online-Shop nicht den eigenen Erwartungen entspricht.

Aber auch die Recherche kann sehr zeitintensiv werden, gerade wenn man kein Fachmann auf dem Gebiet ist. Beispiel: "Welche Schiene brauche ich, um ein Vorzelt an einen T5-Bus zu montieren?". Jetzt beginnt die Recherche in diversen Foren oder Blogs, sucht in Online-Shops nach Angeboten, fragt eventuell in Foren selbst nach, um anschließend viele Ratschläge zu bekommen, die dann letztendlich nicht brauchbar sind. Kann man den Rezensionen auf Amazon, eBay und Co. vertrauen. Fragen über Fragen. Was spricht also dagegen, zu einem Fachmann oder zu einer Werkstatt zu gehen, die sich mit Camping-Equipment auskennen?

Jeder sollte sich einmal hinterfragen, wie viel Zeit er mit der Recherche im Internet verbracht.

Positiv-Beispiel Fachhandel
Laufschuhe aus dem Laufladen. Vor kurzem eine kostenlose Laufanalyse gemacht und daraufhin ein Paar gekauft, welches die Knieschmerzen "behoben" hat. Leider sind die Laufschuhe nach drei Monaten an der Seite eingerissen, da die Schuhe für die Einlagen wahrscheinlich nicht geeignet sind.

Eine Retoure im Online-Handel hätte wahrscheinlich sehr viele Probleme mit sich gebracht. Getragene Schuhe, deutliche Abnutzungserscheinungen hätten dazu geführt, dass der Betrag nur teilweise oder gar nicht erstattet wird. Außerdem stünde ich jetzt ohne Laufschuhe da, weil ein Austausch mit demselben Modell nicht sinnvoll wäre, da diese wieder eingerissen wären.

Also spontan zum Laufladen gefahren, das Problem geschildert, kostenlos ein alternatives Paar erhalten, welches an der gerissenen Stelle robuster ist. Alles innerhalb einer halben Stunden erledigt!

Fazit
Ich glaube nicht, dass der Fachhandel in Zukunft aussterben wird. Die Leute werden merken, wie mühselig der Online-Kauf sein kann und welche Vorteile eine Beratung im Fachhandel hat. Das gilt aber nicht für alle Käufer und Waren. Wer keinen Zeitdruck hat genau weiß, was er kaufen möchte, kann im Netz gezielt nach günstigen Preisen suchen. Online-Shopping ist ein Mehrwehrt, den keiner mehr missen möchte, aber dieser Post soll einfach mal zum Denken anregen, dass Online-Shopping auch seine Schattenseiten hat.

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