Erklärt: wie der Bildstabilisator bei Objektiven und DSLR-Kameras funktioniert

Fotografen benötigen eine ruhige Hand, um Verwacklungen und Unschärfe zu vermeiden. Aber auch geübten Fotografen mit einem Ruhepuls eines Spitzensportlers sind Grenzen gesetzt und gerade bei schlechten Lichtverhältnissen, bei den lange Belichtungszeiten notwendig sind, ist der Einsatz eines Statives unausweichlich. Was aber tun, wenn das Stativ zu Hause liegt oder die Umgebung den Einsatz unmöglich macht? Abhilfe schaffen so genannte Bildstabilisatoren, welche der menschliche Unruhe entgegenwirken. Wie der Name schon verrät wird die Kamera bzw. das Objekt stabilisiert, so dass Verwacklungen und somit unscharfe Aufnahmen vermindert werden.

Brauche ich einen Bildstabilisator? Lohnt sich der teure Mehrpreis?

Je größer die Brennweite, sprich je mehr "gezoomt" wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Bild unscharf wird. Als Faustformel für verwacklungsfreie Bilder gilt, dass die Verschlusszeit/Belichtungszeit den Kehrwert der verwendeten Brennweite nicht überschreitet.

Faustformel "maximale Belichtungszeit" für verwacklungsfreie Bilder
Belichtungszeit = Kehrwert Brennweite

Brennweite: 35mm => Belichtungszeit nicht länger als 1/35 Sek.
Brennweite: 105mm => Belichtungszeit nicht länger als 1/105 Sek.
Brennweite: 270mm => Belichtungszeit nicht länger als 1/270 Sek.

Anhand dieses Beispiels wird sofort ersichtlich, dass bei hohen Brennweiten nur bei hellem Tageslicht verwacklungsfreie Aufnahmen möglich sind, was anhand der von uns erstellten Beispielaufnahmen mit einer Nikon D5200 zu sehen ist. Verschlusszeiten von 1/270 Sek. sind aber abends oder nachts nicht denkbar. Beim Einsatz eines Bildstabilisators gewinnt der Fotograf bis zu 2 Blendenstufen. Da eine kleinere Blendenstufe die Belichtungszeit "halbiert", ergeben sich folgende empfohlene Belichtungszeiten:

"maximale Belichtungszeit" mit Bildstabilisator (bis zu zwei Blendenstufen)
1 Blendenstufe = Halbierung der Belichtungszeit

Brennweite: 35mm => Ohne Bildstabilisator => 1/35 Sek. => Mit Bildstabilisator => ca. 1/8 Sek.
Brennweite: 105mm => Ohne Bildstabilisator 1/105 Sek. => Mit Bildstabilisator => ca. 1/26 Sek.
Brennweite: 270mm  => Ohne Bildstabilisator 1/270 Sek. => Mit Bildstabilisator => ca. 1/68 Sek.

Der Gewinn durch längere Belichtungszeiten ist bei einer 270mm Brennweite enorm. Daher ist die zu Beginn gestellte Frage, für wen sich ein Bildstabilisator lohnt, dahingehend zu beantworten, dass gerade bei Zoom-Objektiven ein Bildstabilisator empfehlenswert ist. Bei Festbrennweiten mit kurzen Brennweiten (bis zu 50mm) ist ein Bildstabilisator zu vernachlässigen.

Des Weiteren sei gesagt, dass viele Telezoom-Objektive mit zunehmender Brennweite eine größere Anfangsblende haben, also grundsätzlich lichtschwächer werden. Beim Tamron 18-270mm F/3,5-6,3 Di II VC PZD beträgt die Anfangsblende bei 18mm Brennweite f3,5. Bei Brennweite 270mm erhöht sich die Blendenzahl auf f6,3. Wer also ein Telezoom-Objektiv auch ohne Stativ nutzen möchte, benötigt definitiv einen Bildstabilisator.

Tamron mit und ohne Vibration Compensation
Ohne Bildstabilisator: Tamron Objektiv AF 18-200mm 3.5-6.3 XR Di II LD Asp IF MakroMit Bildstabilisator VC (Vibration Compensation): Tamron 18-270mm F/3,5-6,3 Di II VC PZD
Ohne Bildstabilisator:
Tamron Objektiv AF 18-200mm 3.5-6.3 XR Di II LD Asp IF Makro

Preis (Stand 08/2013):
148 Euro @Amazon.de
Mit Bildstabilisator VC (Vibration Compensation):
Tamron 18-270mm F/3,5-6,3 Di II VC PZD

Preis (Stand 08/2013):
379 Euro @Amazon.de

In diesem Beispiel werden zwei Telezoom-Objektive aus dem Hause Tamron verglichen. Das Modell mit Bildstabilisator kostet mehr als das Doppelte. Dieser deutlich höhere Preis ist aber gut investiertes Geld, was die Beispiel-Aufnahmen später zeigen werden.

Typen von Bildstabilisatoren: im Objektiv, in der Kamera oder digital

Grundlegend stellt sich die Frage, wo der Bildstabilisator untergebracht ist. Im Objektiv oder in der Kamera? Der "digitale" Bildstabilisator wird nur der Vollständigkeithalber erwähnt, da es sich hierbei um ein Marketing-Trick handelt.

Optischer Bildstabilisator - im Objektiv

In der Regel ist der optische Bildstabilisator gemeint, wenn das Wort Bildstabilisator gebraucht wird. Hierbei werden die Linsen im Objektiv in Schwingung gebracht, sofern die Kamera bewegt wird. Die Linsen sind beweglich gelagert und gleichen die Unruhe durch den Fotografen aus. Der Bildstabilisator sitzt demzufolge im Objektiv und wird bei jedem neuen Objektiv neu dazu gekauft.

Wie sich ein optischer Bildstabilisator in der Praxis bemerkbar macht, zeigt folgendes Video:

Video: Bildstabilisator im Einsatz (Tamron 18-270 PZD F/3,5-6,3 Di II VC @Nikon D5200)

Video-Bildstabilisator. Im Praxiseinsatz ist der Bildstabilisator des Tamron 18-270 PZD F/3,5-6,3 Di II VC Objektiv hörbar.

 

Mechanischer Bildstabilisator - in der Kamera

Es gibt Spiegelreflexkameras wie die Pentax K30, bei denen der Bildstabilisator im Kamera-Body integriert ist. Beim mechanischem Bildstabilisator wird der Kamera-Sensor und nicht die Linsen des Objektives in Schwingung gebracht. Der große Vorteil solcher Spiegelreflexkameras ist, dass Objektive ohne Bildstabilisator problemlos eingesetzt werden können. Der Anwender hat also immer und an jedem Objektiv einen Bildstabilisator.

Was ist nun besser: Bildstabilisator im Objektiv oder im Kamera-Body? Die Meinungen sind geteilt. Positiv zu sehen ist die Kostenersparnis bei den Objektiven, da ein Stabilisator nur einmalig mit der Kamera gekauft wird. Dagegen spricht das Lager, welches die Meinung vertritt, dass ein Bildstabilisator da untergebracht werden sollte, wo er am effektivsten ist: im Objektiv. Laut Nikon ist die Schnelligkeit und Genauigkeit des Autofokus und Belichtungsmessung besser, wenn die Stabilisierung im Objektiv erfolgt. Hinzu kommt, dass der Blick durch den Sucher bereits stabilisiert ist, der Fotograf schon vor der Aufnahme die Situation besser einschätzen kann (Quelle Nikon: Warum ist ein in das Objektiv integrierter Bildstabilisator effektiver als ein in die Kamera integrierter?)

Digitaler Bildstabilisator - "Mogelpackung"

Bei dieser Form wird ein Trick angewendet: bei schlechten Lichtverhältnissen wird einfach die Sensor-Empfindlichkeit, sprich der ISO-Wert, erhöht. Ziel sind kürzere Verschlusszeiten, um Verwacklungen zu vermeiden. Durch den erhöhten ISO-Wert geht dieser Gewinn mit höherem Bildrauschen einher.

Testaufnahmen: mit und ohne Bildstabilisator

Kommen wir zum interessanten Teil dieses Artikels. Welche Verbesserungen bringt ein Bildstabilisator in der Praxis? Um diese Frage zu beantworten, wurden folgende Testbilder mit der maximalen Brennweite von 270mm geschossen:

Mit und Ohne Bildstabilisator im Vergleich
am Beispiel Tamron 18-270 PZD F/3,5-6,3 Di II VC @Nikon D5200
Ohne Bildstabilisator
Mit Bildstabilisator
Testaufnahme: ohne Bildstabilisator sind Unschärfe und Verwacklungen sichtbarBesser mit Bildstabilisator: das Bild wirkt deutlich schärfer
f6,3 1/30 Sek. 270mm ISO 400f6,3 1/30 Sek. 270mm ISO 400
Großaufnahme: die 12 ist sichtbar verwackeltDie 12 wird dank Bildstabilisator scharf abgebildet
Vergrößerung: die 12 ist deutlich verwackeltMit Bildstabilisator ist die Aufnahme nicht mehr unscharf
Weiter Testaufnahme: ohne Bildstabilisator ist die Schrift unlesbarKommt der Bildstabilisator zum Einsatz, ist die Schrift gestochen scharf
Monitor fotografiert
f6,3 1/30 Sek. 270mm ISO 400
Ohne Bildstabilisator ist die Schrift kaum lesbar
Monitor fotografiert
f6,3 1/30 Sek. 270mm ISO 400
Wesentlich besser: mit Einsatz eines Bildstabilisators

Die Unterschiede sind gravierend. Obwohl bewusst darauf geachtet wurde, die Kamera ruhig zu halten, sind die Aufnahmen ohne Bildstabilisator sichtbar unscharf und verwackelt. Sichtbar bedeutet in diesem Fall, dass auch einem Laie beim Betrachten der Original-Größe die Unschärfe auffällt. Auffällig ist die lange Belichtungszeit mit 1/30 Sek. Das Tamron-Objektiv schafft sogar 3 statt 2 Blendenstufen auszugleichen. Laut obiger Rechnung müssten bereits ab 1/68 Sek. Verwacklungen auftreten.